Kommunikation

Dienstag, 5. Januar 2010

Gefälligkeiten

Kennen Sie das? Jemand aus Ihrem mehr oder weniger engen Umfeld, der weiß, was Sie beruflich machen, bittet Sie um einen kleinen Gefallen, für den er sich bei nächster Gelegenheit erkenntlich zu zeigen verspricht. Im Idealfall fällt Ihnen sofort eine entsprechende Gegenleistung ein und Sie können ihm antworten: Gerne, kannst du dafür das-und-das für mich machen? Alles bestens – netzwerken nennt man so was oder auch networking, und wie wichtig das ist, hat man Ihnen garantiert auch schon mal in dem einen oder anderen Weiterbildungsseminar eingetrichtert. Leider fügt es sich selten so glücklich. Zumeist kratzen wir uns eher am Kopf und grübeln, ob der Betreffende überhaupt irgend etwas zu bieten hat, das uns interessieren könnte – sagen dann aber trotzdem zu, weil wir ja nicht kleinkariert oder herzlos erscheinen möchten.

Typisch Frau? Na, wenn Sie meinen. Jedenfalls ist es mir neulich so ergangen. Dabei habe ich gemerkt, dass hier für mich ein grundsätzlicher Klärungsbedarf bestand: Für wen bin ich aus welchen Gründen bereit, in welchem Umfang etwas umsonst zu machen? Klar, ich würde liebend gern in einer Gesellschaft leben, die auf der Selbstverständlichkeit gegenseitiger Gefälligkeiten und Hilfeleistungen beruht. Aber so funktioniert es nun mal nicht, sondern Übersetzen und Lektorieren ist mein Broterwerb, und wenn ich meine Arbeitszeit allzu großzügig verschenke, muss ich eben verhungern. Und da ich mir vorstellen kann, dass die eine oder der andere unter Ihnen sich auch schon einmal in ähnlichen Konfliktsituationen befunden hat, nachfolgend ein paar Richtlinien und praktische Hinweise, die ich für mich aufgestellt bzw. von Kollegen eingeholt habe, bei denen ich mich bei nächster Gelegenheit erkenntlich zeigen werde.

• Wenn jemand privat mit einem derartigen Anliegen auf Sie zukommt, klären Sie zunächst (für sich, aber auch im Gespräch mit dem Betreffenden), ob er einen freundschaftlichen Rat sucht oder Sie um professionelle Hilfe bittet. Ist Letzteres der Fall, machen Sie ihm ein faires Angebot, das ruhig bei der Hälfte Ihres üblichen Honorars liegen kann.
• Sollten Sie selber einmal in die Verlegenheit geraten, einen Freund in einer professionellen Kapazität zu Rate zu ziehen, überlegen Sie sich vorher, was Sie im Gegenzug anbieten können und wollen. Damit signalisieren Sie einerseits, dass Sie die Arbeit des Anderen schätzen, und zum anderen, dass Sie ihn ansprechen, weil sie seiner fachlichen Kompetenz vertrauen, und nicht nur, weil Sie Geld sparen wollen.
• Falls Sie darauf spekulieren, auf diese Weise Kontakte zu knüpfen und sich durch Ihren Fleiß und Ihre Bescheidenheit für zukünftige Aufträge zu empfehlen, sollten Sie sich Folgendes gut überlegen: Möchten Sie lieber aufgrund Ihrer Professionalität und Kompetenz weiterempfohlen werden oder als jemand, der bereit ist, umsonst zu arbeiten?
• Sie können es sich leisten, Ihre Arbeitskraft zu verschenken, weil Sie gerade im Lotto gewonnen oder einen fetten Auftrag an Land gezogen haben? Herzlichen Glückwunsch! Trotzdem sollten Sie an Ihre weniger vom Schicksal gesegneten Kollegen und Kolleginnen denken. Je mehr Menschen bereit sind, für weniger oder gar nichts zu arbeiten, desto weniger Wert bekommt ihre Arbeitskraft, so ist das nun mal in der freien Marktwirtschaft. Wenn Sie gerne was Gutes tun wollen, können Sie sich ja bei Greenpeace oder Amnesty engagieren.
• Scheuen Sie sich trotz allem nicht, den Spaßfaktor zu berücksichtigen. Reizt Sie der Auftrag? Haben Sie das Gefühl, dabei Ihre Fähigkeiten ausprobieren oder etwas dazulernen zu können? Verdient der Andere auch nichts daran? Na los, geben Sie sich einen Ruck und vergessen Sie alles oben Gesagte!
• Und schließlich: Wenn es tatsächlich nur um eine Sache von zehn Minuten geht – Schwamm drüber! Man muss auch nicht an alles und jedes ein Preisschild hängen. Wo Ihre persönliche Schmerzgrenze liegt, müssen Sie dabei selber entscheiden – meine ist erfahrungsgemäß (je nach Spaßfaktor und Freundschaftsgrad) nach zwanzig bis dreißig Minuten erreicht.

In diesem konkreten Fall – womöglich interessiert es Sie ja – fragte ein bestenfalls sehr entfernter Bekannter an, ob ich „mal eben einen Text überfliegen“ könnte, den er durch eine elektronische Übersetzungsmaschine gejagt und dann per Hand korrigiert hatte. Ich merkte sehr bald, dass ich beinahe jeden Satz umschreiben musste, so dass die Sache eindeutig den Rahmen einer kleinen kollegialen Gefälligkeit sprengte.

Was also tun? Letztlich habe ich mich entschlossen, ihn höflich, aber unmissverständlich auf ebendiesen Sachverhalt hinzuweisen und ihm gleichzeitig – unter Nennung meiner üblichen Honorarsätze – einen sehr großzügigen Freundschaftspreis anzubieten. Und sofern er mit meiner Arbeit zufrieden ist, möchte er doch das nächste Mal an mich denken, wenn er mitkriegt, dass irgendwo eine Übersetzerin gesucht wird. (Wohl bemerkt: Sein Text war nicht zur kommerziellen Verwertung gedacht, sondern eher Privatvergnügen bzw. das, was man gemeinhin Selbstausbeutung nennt. Ansonsten hätte ich von Anfang an auf geschäftlicher Basis mit ihm verhandelt – und zwar selbst dann, wenn wir uns besser gekannt hätten. Ausgenommen von dieser Regel sind mein Mann, meine Eltern und Geschwister und zwei, drei sehr gute Freunde.)

Seine Antwort klang sehr kleinlaut: Er habe ehrlich angenommen, es sei eine Sache von zehn Minuten, wenn er das gewusst hätte, hätte er mich nie darum gebeten, ihm sei das jetzt ungemein peinlich ... Damit freilich hatte er einen anderen wunden Punkt berührt: Oft wird die Arbeitsleistung von uns Schreiberlingen schlicht und einfach unterschätzt. Das gilt besonders für Übersetzungen: Gerade Kunden, die selber keine Fremdsprachen beherrschen, bilden sich immer wieder ein, es handle sich lediglich darum, jedes englische oder französische Wort durch seine deutsche Entsprechung zu ersetzen.

Ein weiteres Problem scheint mir zu sein, dass die Grenzen zwischen Dienstleistung und freiwilligem Engagement gerade in der Internet-Ökonomie fließend geworden sind, dass sich Arbeit und Freizeitbeschäftigung, beruflicher und privater Bereich oft schwer trennen lassen. Aus Enthusiasmus, Idealismus, Altruismus oder purem Masochismus stellen wir unsere Kopfarbeit oft zur Verfügung, ohne dafür irgendeinen Lohn in Form einer Bezahlung zu erwarten: Denken Sie allein an die Mitarbeit bei der Wikipedia oder an jene Menschen, die druckreife Rezensionen bei Amazon veröffentlichen.

Mittwoch, 2. September 2009

Schadenfreude

Schadenfreude ist bekanntlich eine so urdeutsche Eigenschaft, dass sie sich – ähnlich wie „Blitzkrieg“, „Gemütlichkeit“ und „Angst“ – nicht übersetzen lässt und das Englische sie als Lehnwort übernommen hat. Für eine mit der Schadenfreude eng verwandte Haltung zum Leid eines Anderen, indem man sich darüber nicht freut, sondern lautstark sein aufrichtiges Bedauern bekundet, fehlt auch dem Deutschen ein adäquates Wort. „Mitleid“ trifft es noch am ehesten, aber auch nicht punktgenau. Wenn mich meine Mutter im Büro anruft und sagt: „Ach, mein armes Kind, dass du bei so schönem Wetter den ganzen Tag arbeiten musst!“, wenn mir eine Freundin mailt: „Mensch, wie schade für euch, dass euer Urlaub schon wieder vorbei ist“, dann ist das lieb gemeint, ganz bestimmt. Trotzdem könnte ich die Wände hochgehen! Beinahe wäre mir eine ordentliche Portion Schadenfreude lieber: Dann hätte wenigstens eine von uns was, worüber sie sich freuen könnte.

Montag, 31. August 2009

Blogologie

Montags ist die Welt noch in Ordnung, in der Blogosphäre herrscht Friede (7,72), Freude (8,60), Eierkuchen (6,08). Zu diesem Ergebnis sind zwei Mathematiker von der University of Vermont gekommen. Mit Hilfe einer Glücksskala, die einzelnen Worten jeweils einen Wert zwischen 1 und 9 zumisst, haben sie über vier Jahre 2,4 Millionen (englischsprachige) Blogs ausgewertet. Ihre Studie wurde im Journal of Happiness Studies veröffentlicht. Wozu Mathematik nicht alles gut ist!

Am Montag halte offenbar noch die gute Laune vom Wochenende vor, folgern die Wissenschaftler. Zwei Tage später dann falle die allgemeine Stimmung auf den Tiefpunkt. Der allerglücklichste Tag seit 2005 war allerdings ein Dienstag: der 4. November 2008, als die Amerikaner sich einen neuen Präsidenten gönnten.

Nun, wir werden uns in Zukunft bemühen, Sie gerade mittwochs mit besonders erbaulichen Texten über Gott (8,15) und die Welt (6,50) aufzuheitern. Mal sehen, was uns alles Schönes zu Themen wie „Paradies“, „Liebe“ (je 8,82), „Achterbahn“ (8,02) oder auch „Baby“ (8,22) einfällt!

Wenn wir hingegen etwas Wichtiges mitzuteilen haben, sollten wir es am besten montags tun oder aber morgens um 11:30 Uhr, dann stehen nämlich laut einer anderen Studie die Chancen am günstigsten, dass unsere Informationen über Twitter weitergeleitet („re-tweeted“) werden.

Mittwoch, 17. Juni 2009

Analoges Treffen

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Ich werde zwar vermutlich selbst keine Zeit haben, um dabei zu sein. Dennoch möchte ich gerne auf das Hamburger Bloggertreffen aufmerksam machen. Ob es das erste seiner Art ist, weiß ich nicht. Vermutlich gab es schon diverse andere offizielle und inoffizielle Zusammenkünfte verschiedener Gruppen in Hamburg. Aber in dieser Zusammensetzung, mit diesen Organisatoren und diesem Logo dürfte es ein Novum sein. Ich fand frühere Bloggertreffen - häufiger mit Lesungen verbunden - immer spannend. Wie sehen diese ganzen Schreiber eigentlich in echt aus? Und wie sind die so? Wer das herausfinden will, sollte am Sonntag unbedingt hingehen.

Montag, 15. Juni 2009

Kommunikatives Schweigen

Es gibt gute und schlechte Kommunikation, das ist eine allgemein bekannte Weisheit. Gut ist zum Beispiel alles, bei dem das Gegenüber im Blick behalten und ein Austausch von Informationen angestrebt wird. Schlechte Kommunikation hingegen ist so ähnlich wie das, was ich gerade mit meinen Blog-Mitarbeitern und Lesern veranstalte: Sie können sich noch so sehr anstrengen, gute Arbeit leisten, regelmäßig vorbeischauen, neugierige Fragen stellen – ich tue einfach so, als würde ich das alles nicht merken und hülle mich in Schweigen.

Dabei gäbe es viel zu erzählen. Über die richtigen Worte im richtigen Moment zum Beispiel. Den richtigen Auftrag zur rechten Zeit. Über Reisen und Begegnungen. Und vor allem über Menschen, immer wieder Menschen. Ich merke täglich mehr, wie spannend es ist, mit anderen Menschen zu arbeiten, ihnen auf die Sprünge zu helfen, Impulse zu geben, die sie vorwärts bringen.

Dass bei all diesen Aktivitäten das Bloggen etwas kurz kommt, hätte ich selbst noch vor kurzer Zeit so nicht gedacht. Leserbindung ist wohl etwas anderes. Aber ich denke, dass der Trubel sich bald etwas legt und ich wieder mehr Zeit und Muße habe, um mehr für die Knotenpunkte zu schreiben. Bis dahin bleibt mir nur, mich für mein Schweigen zu entschuldigen, und mich vor allem bei Beate Brown zu bedanken, die das Blog in den letzten Wochen ganz alleine in Schwung gehalten hat. Das ist doch ein guter Anfang für eine gelungene Kommunikation, oder?

Mittwoch, 3. Juni 2009

All die kleinen Augenblicke

Dieser Text ist für meine Mutter, die diese Woche 70 wird und das Internet wie viele Errungenschaften des 20. Jahrhunderts als unglaublich ärgerliche Zeitverschwendung empfindet.

Bisweilen erschreckt mich mein eigenes Mitteilungsbedürfnis. Wie komme ich dazu, Ihnen (ja, Sie da, die Sie eigentlich nur wissen wollten, wie man in zwei Monaten einen Krimi schreibt, und sich dann festgelesen haben – herzlich willkommen in unserem kleinen virtuellen Büro!) und Ihnen, der Sie regelmäßig mal vorbeischauen, weil Sie den Praktikanten süß finden, Details aus meinem wenig spektakulären Privat- und Berufsleben anvertrauen zu wollen? Bilde ich mir allen Ernstes ein, Sie interessiert, was ich von Kaizen, Atomkraft, geschweige denn vom Web 2.0 halte, was mir auf der Pasta-Party oder beim Lauftraining durch den Kopf geht und ob ich mich von der Schweinegrippen-Panik anstecken lasse?

Was in einem Blog noch verbrämt als mehr oder weniger tiefgründige Betrachtungen über den Alltag des durchschnittlichen Internet-Nutzers im beginnenden 21. Jahrhundert daherkommt, darf sich bei Twitter hemmungslos austoben: der Impuls, die Mit- oder gar die Nachwelt an jenen Momenten teilhaben zu lassen, deren flüchtige Banalität uns, während wir sie erleben, in ihrer unerträglichen Bedeutungsfülle schier das Herz zerlegt.

Tweets sind die primitivste Form jener uralten Tradition, dem Leben – dieser unaufhaltsamen, unvorhersehbaren Bewegung auf den Tod zu – in Form von Tagebuchaufzeichnungen Sinn und Struktur aufzuzwingen oder auch abzuringen: der Versuch, das Jetzt (schnell, schnell, bevor es zum Schon-Vorbei wird!) nicht nur zu dokumentieren, sondern im wahrsten Sinne des Wortes festzuhalten, zu verewigen, ihm lauter Denkmäler zu setzen, und sei es in einem kurzatmigem Medium mit Langzeitgedächtnis wie dem Internet. Verweile doch, du bist so schön und meine Pizza gerade so lecker! Oder, falls Sie‘s lieber mit den Denkern als mit den Dichtern halten: Follow me ergo sum.

Jedes Tweet ist – ebenfalls im Wortsinn – ein Lebenszeichen, ein Machtwort Aufschrei jämmerliches Piepsen gegen die Vergänglichkeit: „Hallo, ich bin‘s! Mich gibt es, ja wirklich! Dass es mich gibt, verdient Beachtung! Hallooooo ... hört mich denn niemand?!?!?!?“ Es ist Selbstvergewisserung und zugleich Signal an andere, an Bekannte und Unbekannte, Freund und Follower. Diesen Willen zum Sinn, diesen Drang, all die kleinen Augenblicke ja nicht unbemerkt verstreichen zu lassen, finde ich so traurig wie tröstlich: traurig, weil sie doch nur uns selber etwas bedeuten, und tröstlich, weil sie uns so viel bedeuten.

Ach, ist der Himmel heute wieder herrlich blau! Ob sich die Vögel vor meinem Fenster wohl auch den Kopf zerbrechen, warum sie zwitschern?

Samstag, 16. Mai 2009

Hallo-Wege

In der Stadt, in der ich den Großteil meines Studiums verbracht habe, gibt es einen Fußweg, den wir den „Hallo-Weg“ nannten. Er verbindet mehrere Universitätsgebäude und die Mensa miteinander, und fast immer traf man dort Kommilitonen, die man zumindest vom Sehen kannte. Wir taten alle so, als ginge uns die ganze Grüßerei gewaltig auf den Keks, dabei war ich bestimmt nicht die Einzige, die es insgeheim schön fand, inmitten der geschäftigen Anonymität der Massenuni so viele Menschen zu haben, die sich die Zeit nahmen, kurz stehen zu bleiben und Neuigkeiten auszutauschen: Zufallsbekanntschaften, mit denen ich mal zu einer Demo gefahren war, ein Referat vorbereitet oder auf einer Party den Sinn des Lebens geklärt hatte, oder aber liebe Freunde aus der Fachschaft, der Theater-AG, der Creative-Writing-Gruppe.

Auch wenn ich es ihnen damals nie und nimmer zugestanden hätte, diesen unverbesserlichen Reaktionären, war es wohl ein ganz ähnliches Gefühl, das meinen Opa und meine Onkels beseelte, wenn sie in ihren komischen Schärpen zum Pfingstkommers ihrer Burschenschaft aufbrachen.

In seinem politischen Manifest „The Audacity of Hope“ schildert Barack Obama, warum er sich als junger Mann taufen ließ: nicht etwa, weil Gott ihm in einem brennenden Busch erschienen wäre, sondern weil er zu begreifen begann, „daß ich ohne ein eindeutiges Bekenntnis zu einer bestimmten Glaubensgemeinschaft dazu verurteilt wäre, in gewisser Weise immer abseits zu stehen – genauso frei, wie meine Mutter frei war, aber auch genauso allein, wie sie letztlich allein war“.

Mein Liebster, einer der größten Eigenbrötler, die mir je begegnet sind, kommt vom Hertha-Spiel nach Hause und schwärmt von dem Gemeinschaftserlebnis, das ihm im Olympiastadion zuteil ward. Und ich selber – was glauben Sie, wie wohlig warm mir ums Herz wird, wenn ich am Morgen eines großen Volkslaufs in eine U-Bahn einsteige, die nach Schweiß und Adrenalin stinkt, und mich von Mitgliedern meines Stammes umgeben weiß! Offensichtlich haben wir alle dieses Bedürfnis, einem wie auch immer gearteten Kollektiv anzugehören – und eben nicht nur irgendeiner konsumgesellschaftlichen Zielgruppe, die sich die Marktforschung ausgedacht hat.

Heute können die Studierenden an meiner alten Uni ihrem Herdentrieb in Kommunikationsnetzwerken wie StudiVZ, Facebook oder Twitter frönen. Altmodisch, wie ich bin, hoffe ich trotzdem, dass sie ab und zu von ihren Handys aufblicken, einander anlächeln, in die Augen sehen und „Hallo“ sagen, wenn sie zwischen Vorlesung und Mittagessen unterwegs sind.

Donnerstag, 23. April 2009

Halbjahresbilanz

Ein Firmenblog wie die Knotenpunkte ist Aushängeschild, Visitenkarte, ist regelmäßig wechselnde Schaufenster-Deko, die Passanten wie Stammkunden neugierig machen soll, was in dem Laden dahinter so getrieben und vertrieben wird. Es richtet sich an Kollegen, Geschäftspartner, Kunden und Freunde des Hauses – eben an alle, die gerne ab und an nachlesen, was wir machen und wie es uns geht. Darüber hinaus soll aus den Knoten, die hier geknüpft werden, mit der Zeit ein Netzwerk zum Erfahrungsaustausch und gegenseitiger Unterstützung entstehen. Denn wer selbstständig oder freiberuflich arbeitet, kennt das Gefühl, manchmal im luftleeren Raum zu schweben: bloß nicht nach unten schauen, sonst verliert man sofort die Balance und stürzt ins Bodenlose! Wer dagegen ein solches Netz spannt, schafft sich wenigstens eine Illusion von Sicherheit und Vertrauen.

Dass Blogs im besten Fall ein Eigenleben entwickeln, wussten wir schon. Dennoch sind wir immer wieder überrascht, welche Texte kommentiert werden und welche nicht. Und wir hätten uns kaum träumen lassen, wie wunderbar die Knotenpunkte zum virtuellen Rückzugsraum taugen, in den wir uns flüchten, wenn es da draußen in der Echtzeit gerade allzu ungemütlich ist. Wie oft haben wir schon geseufzt: „Ach, wäre das schön, wenn es den Praktikanten wirklich gäbe!“ Von seinem leckeren Kuchen mal ganz zu schweigen. Dann Prakti-noch-schicker
könnten wir ihn – den Praktikanten, nicht den Kuchen – einfach etwas seriöser einkleiden (siehe Bild) und auf Kundenakquise schicken. Oder er könnte manch andere Botengänge für uns erledigen – von Recherchen in der Staatsbibliothek bis zu den Schikanen beim Zollamt, wenn unsere Auslandspost mal wieder auf bürokratische Abwege geraten ist.

Längst sind die Knotenpunkte zugleich Spielwiese, auf der wir uns nach Herzenslust austoben, und Arbeitsalltag, wie wir ihn uns wünschten, ein Ideal-Büro sozusagen: konstruktiv, kreativ, kooperativ. Niemand verstößt gegen die Hausordnung, niemand wird gemobbt, wir zahlen für unsere behaglichen Räumlichkeiten weder Miete noch Telefon- und Stromrechnungen, haben nur interessante Projekte wie das Krimi-Experiment oder die Wortschmiede und zufriedene Kundinnen wie Frau M.

Besonders am Anfang haben wir viel diskutiert: Was wollen wir eigentlich? Für welches Zielpublikum schreiben wir, welche Themen eignen sich, wie sollen sie aufbereitet werden? Auf ein paar Kriterien konnten wir uns schnell einigen: An einem reinen Mitteilungsportal für geschäftlich Relevantes wäre uns schnell die Freude vergangen. Allzu Privates und Persönliches gehört ebenso wenig hierher – daran habe ich mich nie so streng gehalten wie Frau Burkhardt, die freilich als Chefin und vor allem als Coach viel exponierter ist, während ich mich den lieben langen Tag hinter meinem Bildschirm verkrieche. Außerdem haben wir uns stets bemüht, ein möglichst breites Spektrum abzudecken – um uns als weltoffene Menschen mit vielseitigen Interessen und Begabungen auszuweisen, aber auch um Laufkundschaft anzulocken, die zufällig beim Googeln hier vorbeikommt. Bei uns werden Sie fündig, ob Sie nun Terminhinweise, Lektüre- und Konzertempfehlungen oder Anekdoten vom Marathontraining suchen.

Gut geschrieben muss es sein, auch das stand für uns fest: Schließlich käme niemand auf den Gedanken, uns zum Texten, Lektorat oder Übersetzen anzuheuern, wenn es uns nicht gelänge, unseren Internetauftritt mit anspruchsvollen, ansprechenden Beiträgen zu bestücken. „Gehobener Kolumnenstil“, so formulierten wir damals unser Leitbild. Was Sie hier allerdings noch nicht finden, ist eine Antwort auf die Frage: Was ist darunter zu verstehen? Wie schreibt man eigentlich eine Kolumne? Das ist, wie wir zugeben, ein großes Manko, das wir baldmöglichst beheben sollten. Denn ausgerechnet auf den Text mit diesem Titel erhalten wir immer wieder viele Zugriffe.

Samstag, 13. Dezember 2008

2084

„Je mehr wir uns austauschen, desto mehr werden wir lernen; je mehr wir lernen, desto mehr werden wir wissen; je mehr wir wissen, desto glücklicher werden wir sein. Auch der Freundeskreis wird glücklicher sein und immer reicher werden, und seine Anzeigenkunden genauso, so dass am Ende womöglich kein Unterschied erkennbar ist zwischen Austausch und Kaufrausch, zwischen Community und Kommerz.“

Diese Sätze sind einer lange verschollenen, jüngst wieder aufgetauchten Kurzgeschichte von George Orwell entnommen, einer Art Pendant zu „1984“. Statt der sozialistischen beschreibt er dort in halb erzählerischer, halb essayistischer Form die kapitalistische Dystopie. Nicht der allmächtige Staat, sondern ein noch viel mächtigerer Großkonzern namens Wunderwelt überwacht und kontrolliert das Leben jedes einzelnen Verbrauchers. Um die Risiken des Zufalls zu minimieren, der sich bisweilen sehr geschäftsschädigend auswirken kann, kommen zwei Kluge Köpfe aus der Abteilung Gedankenspiele & Geistesblitze auf eine brillante Idee: Mittels geschickter Sinnestäuschung aus der Trickkiste viktorianischer Illusionisten gaukeln sie eine Parallelwelt vor, quasi ein Spiegelbild der unseren, in der die werberelevante Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen nach Herzenslust ihre Wünsche und Fantasien austoben kann.

So lernt Wunderwelt den Verbrauchern alle Wünsche von den Lippen abzulesen und ihre Fantasien zu steuern. Tochtergesellschaften wie der Freundeskreis imitieren und infiltrieren das Sozialverhalten von Hunderten Millionen Menschen, nehmen massiven Einfluss auf ihre Freizeitgestaltung und verkaufen ihnen ganz nebenbei Dinge, von denen sie bislang überhaupt nicht gewusst hatten, wie sehnlichst sie sie begehrten.

Die beiden Klugen Köpfe denken sich auch einen neuen Slogan aus, der das bei den Verbrauchern eher unbeliebte „Big Brother is watching you“ ersetzen soll: „Du hast überall Freunde“. „Hat man jemanden ausfindig gemacht, den man kennt, so kann man fragen, ob man dessen Freund werden kann, und dann bekommt man seine gesamte Fotogalerie und seine Freunde zu sehen, und wer weiß, bald trifft man vielleicht Verabredungen oder gründet Gruppen für Gleichgesinnte (Drechsler in Yorkshire) oder schreibt eine Botschaft an seine ‚Tafel‘ oder schickt jemandem eine Wunderwelt-Umarmung oder erzählt allen Leuten, was man so tut. ‚Simon isst gerade Kuchen‘, könnte eine solche Botschaft lauten, und plötzlich teilt eine entfernte Cousine aus Ontario mit, dass sie auch gerade Kuchen ist, und auf diese Weise tauscht man Humbug miteinander aus“, schildert Orwell atemlos. „Dann schaut man am nächsten Tag auf seine Tafel und findet dort eine Nachricht von einem Tortenplatten-Fabrikanten, der einem etwas verkaufen will.“

Diese Zukunftsvision kommt der heutigen Realität erschreckend nahe, meinen Sie? Sie liegen absolut richtig. Ich habe Sie nämlich glattweg angelogen. (Sie sollten wirklich nicht alles glauben, was Sie im Internet lesen.) Es gibt keine kürzlich wiederentdeckte Kurzgeschichte von George Orwell. Vielmehr stammen die oben zitierten Sätze allesamt aus einem Artikel über den milliardenschweren Erfinder einer bekannten Kommunikationsplattform zum Wiedertreffen und Kennenlernen, deren Namen ich in meiner Übersetzung kreativ verfremdet habe, damit Sie mir nicht sofort auf die Schliche kommen. Nennen wir sie ruhig weiterhin „Freundeskreis“, wir wollen hier ja keine Schleichwerbung machen. „Von Privatleuten bis hin zu multinationalen Unternehmen kann jeder beliebige Marktteilnehmer Freundeskreis-Nutzer erreichen, indem er, sagen wir, 50 Cent pro Zielperson zahlt“, heißt es darin, und weiter: „Freundeskreis weiß zum Beispiel, wie viele Menschen sagen, sie hätten zum Frühstück ein Kellogg‘s-Produkt gegessen.“

Ich will Sie um Himmels willen nicht aus unserer kuscheligen Ecke des Web 2.0 vergraulen – da draußen in der Echtzeit ist es momentan verdammt ungemütlich! Im übrigen arbeitete ich, als mir besagter Artikel in die Hände fiel, gerade an einem kleinen Text über die Unvorstellbarkeit eines Lebens ohne Internet. Eigentlich wollte ich mich nur mit Ihnen darüber austauschen, wie nachdenklich mich diese Lektüre gestimmt hat. Und ich glaube, mir und Ihnen kann es nichts schaden, beim täglichen Herumsurfen die Frage im Hinterkopf zu behalten, ob unser ganzes fröhliches Geschnatter und Geplapper so harmlos ist, wie es uns lieb wäre.

Ob die Klugen Köpfe aus der G&G wenigstens zur Belohnung für ihren genialen Einfall einen dicken Bonus bekamen, fragen Sie? Nun, wie man‘s nimmt. Sie wurden in eine Zeitmaschine verladen (Marktneuheit der Firma Fernweh, die Wunderwelt letztes Jahr in einer spektakulären feindlichen Übernahme geschluckt hat, Sie erinnern sich bestimmt) und in die Steinzeit verbannt. So können sie niemandem verraten, dass das ganze Wunderwelt-Paradies nur Schall und Rauch, nur schöner Schein ist.

Montag, 8. Dezember 2008

Machtspielchen

Neulich rief mich ein langjähriger Stammkunde an und wollte mir – wieder einmal – übers Wochenende ein umfangreiches, anspruchsvolles, mit einigem Rechercheaufwand verbundenes Projekt aufdrücken. Diesmal habe ich dankend abgelehnt – und zwar aus Prinzip. Gewiss, ich hätte es schon irgendwie hingekriegt. Nicht umsonst bin ich bekannt dafür (und stolz darauf), dass ich immer alles irgendwie hinkriege. Ich hätte halt meine Wochenendplanung umschmeißen, Verabredungen absagen und mich unter Hochdruck setzen müssen. Und das mitten im Advent, wo man es doch ab und zu ganz gerne beschaulicher und gemütlicher angehen lässt.

Alle Leute, mit denen ich zusammenarbeite, wissen genau, dass ich dazu fast immer bereit bin – wenn es nicht anders geht. In diesem Fall handelte es sich um die Würdigung eines Jubiläums, die rein theoretisch zehn, ja fünfzig Jahre im voraus planbar gewesen wäre. Was sollen also immer diese just in time-Bestellungen? Die Knotenpunkte sind schließlich kein Zulieferbetrieb, dessen Waren bis zu ihrer Weiterverwendung in klimatisierten Lagerhallen aufbewahrt werden müssen. Ganz im Gegenteil, liebe Kunden: Unsere Texte gelingen um so besser, je länger Sie uns Zeit lassen, an ihnen herumzufeilen.

Zudem kenne ich die Abläufe in jener Firma sehr gut und weiß daher: Dass der Anruf am Freitagvormittag kam statt vor vier Wochen, lag einzig und allein an der Schusseligkeit des betreffenden Mitarbeiters. Er räumt das sogar freimütig ein – um mir im nächsten Atemzug an den Kopf zu werfen, wie „enttäuscht“ er von mir sei. Nicht im Traum hätte er damit gerechnet, dass ich ihm einen Korb gebe, „und dann auch noch mit so einer fadenscheinigen Begründung!“

Konfliktscheu wie ich bin, blieb ich doch standhaft. Mein Wochenende war trotzdem verdorben. Denn während ich mit meinem Schatz am Frühstückstisch saß und mit meiner Freundin durchs Museum schlenderte, maulte mein schlechtes Gewissen vor sich hin: Mit ein bisschen gutem Willen hättest du das geschafft. Das Geld hättest du gut gebrauchen können, und der Auftraggeber wäre dir einen Gefallen schuldig!

Ich frage mich, welche Machtstrukturen dabei eigentlich im Spiel waren: das „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“-Syndrom, wie meine Freundin meinte? („Er hatte ein Problem und hat versucht, es auf dich abzuwälzen. Gut, dass du das nicht mit dir machen lässt!“) Sie kennen das ja: der Geschlechterkampf als clash of civilizations, in dem sich die Fußtruppen zweier verfeindeter Planeten um die Vorherrschaft über die Erde bekriegen. Vor ein paar Jahren waren Buchhandlungen und weihnachtliche Gabentische voll von solchen Titeln.

Mir sind derartige Erklärungsmuster zu primitiv. Lieber wittere ich eine fiese Verschwörung der Führungselite gegen uns kleine Schreiberlinge, das Lumpenproletariat der Kommunikationsgesellschaft. Jeder Agenturchef, jeder Redakteur, jeder Verlagslektor weiß, dass wir Freien allen möglichen Dreck fressen – man muss uns nur gelegentlich ein paar Brotkrümel oder Brosamen hinwerfen!

Der Praktikant, der unser Telefonat am Freitag zufällig mitgehört hat, zuckt mal wieder mit den Achseln. „Du bist Dienstleisterin, und wenn du keinen Bock hast, deinen Kunden zu liefern, was und wann sie es brauchen, musst du dich gar nicht wundern, wenn deine Auftragslage bald ganz schön mau aussieht! Wer bezahlt, der bestellt, so ist das nun mal“, belehrt er mich ungerührt, „ob‘s dir passt oder nicht.“ Was ist denn in den gefahren? Hat er etwa einen Selbsthilferatgeber für Möchtegern-Manager verschluckt („Zack! In meinem Team muckt keiner auf“), oder liegt es nur daran, dass er selber vom Mars stammt?

Vor all diesen Rätseln des Alltags kapituliere ich erstmal, schlage ihnen meine Bürotür vor der Nase zu und entscheide mich fürs produktive Schmollen.

Abschied
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Das Krimi-Experiment
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