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Leben

Freitag, 20. November 2009

Liebe wird aus Mut gemacht

„Am liebsten würde ich meinen Job hinschmeißen und eine Zeitlang gar nichts machen“, sagt eine Bekannte, und sie sagt es in einem so nachdenklichen Ton, dass ich weiß, es ist nicht nur so im momentanen Frust dahergeredet. „Und zu deinem Freund ziehen?“ frage ich. Er hat eine gut bezahlte Stelle in einem EU-Nachbarstaat, und die beiden sehen sich bestenfalls alle paar Wochen. Meine Bekannte nickt.

Ich möchte ihr allerhand zu bedenken geben: Willst du dich wirklich von einem Mann abhängig machen, mit dem du bisher nur im Urlaub zusammen gelebt hast? In einem Land noch dazu, wo du nicht mal die Sprache beherrscht? Ohne eigene Berufsperspektiven? Warum wartest du nicht ab, ob du ihn in zwei Jahren immer noch liebst? Aber Bedenken hat sie erstens selber genug, und zweitens verfüge ich auf diesem Gebiet weder über Frau Burkhardts professionelle Kompetenz, noch würde ich mich auch nach neunzehn weitgehend geglückten gemeinsamen Jahren jemals als Expertin für Männerhaltung ausgeben wollen.

Statt dessen zitiere ich Nena. „Liebe wird aus Mut gemacht“: aus Übermut, aus Wagemut, aus Wehmut – und manchmal, seien wir doch ehrlich, aus einer gehörigen Portion Wankelmut. Mit Anfang Zwanzig, bis über beide Ohren verliebt und von einer monatelangen Fernbeziehung emotional ausgezehrt, erschien es mir einst kein großes Ding, ihn zu überwinden. Später werden die Hürden immer höher. In unserem Freundeskreis erleben wir gerade, wie ein alter Junggeselle damit hadert, dass seine Freundin, ihrerseits Langzeitstudentin mit ebenso vielen Semestern WG-Erfahrung, eine Wohnung geerbt hat, in die er nun mit ihr einziehen soll. Ein eigenes Arbeitszimmer hat er schon ausgehandelt; nun müssen Designer-Regale für seine CD-Sammlung her, die sich bisher wüst auf dem Boden stapeln durfte. Wer an welchen Wochentagen kochen und putzen muss, ist noch nicht raus.

Ein anderes Pärchen, zwei ehrgeizige Akademiker, die sich absolut nicht vorstellen können, außerhalb der Uni zu arbeiten, hangelt sich von einem Kompromiss zum nächsten: er in Bulgarien, sie in Detroit; beide in Kanada, er auf einer Professur, während sie sich mit mageren Lehraufträgen begnügt. Und eine Freundin aus Übersee, die eine Aufenthaltsgenehmigung, aber keine Arbeitserlaubnis hat, erzählt mir immer wieder, wie schwer es ihr fällt, nichts zur Haushaltskasse beitragen zu können. Mit der behördlich auferlegten Heirat wird sich wenigstens das ändern. Selbst Michelle Obama, deren Ehe in den Medien mal als glamouröse Traumromanze, mal als postfeministisches Ideal gefeiert wird, bekannte jüngst in einem sehr offenherzigen Interview, wie schwierig es sein kann, ihr Leben mit dem mächtigsten Mann der Welt zu teilen.

Manchmal ertappe ich mich bei dem ketzerischen Gedanken, ob nicht früher doch alles einfacher war: als man von seinem Gehalt eine ganze Familie ernähren konnte und frau sich mit der Hochzeit oder spätestens mit der Geburt des ersten Kindes ganz selbstverständlich in finanzielle, ja in existenzielle Abhängigkeit von ihm begab. Diese Zeiten sind vorbei – zum Glück: Dass noch heute Frauen – oft, aber längst nicht immer – die größeren Opfer bringen, von der First Lady bis zu meiner unschlüssigen Bekannten, steht auf einem anderen Blatt. Trotzdem kann ich sie nur ermuntern, sich auf das Wagnis einzulassen, ihrem Herzen einen Ruck und ihrer Beziehung eine Chance zu geben. Vielleicht wird daraus etwas Dauerhaftes, bis dass der Tod sie scheidet, vielleicht auch nur ein kurzes Abenteuer in der Fremde; vielleicht lernt sie, ihren Gefühlen nie wieder zu trauen, oder vielleicht wird sie beim nächsten Mal von Anfang an klarer wissen, was sie will und was nicht – alles besser als das Bedauern über eine ausgeschlagene Gelegenheit, eine nie gelebte Erfahrung!

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Alle Jahre wieder

Irritiert es Sie auch jedes Jahr, wenn Sie bereits im September in den Geschäften die ersten Hinweise auf Weihnachten entdecken? Oder haben Sie sich an den Anblick gewöhnt und nehmen schulterzuckend zur Kenntnis, dass spätestens Mitte Oktober niemand mehr übersehen kann, dass es nun nur noch schlappe zwei Monate bis zum Fest der Feste sind? Gehören Sie vielleicht sogar zu all jenen Kunden, die dankbar sind, dass sie in aller Ruhe auswählen und vergleichen können, statt erst in letzter Sekunde loszuhetzen, um noch einen Restposten Adventskerzen zu ergattern?

Ich bin in der Hinsicht sehr altmodisch. Im Oktober ist Herbst, und sonst nichts (ich kann auch dem Halloween-Tralala nichts abgewinnen). Im November kommt die Zeit der stillen Tage, der Ruhe und Besinnung. Und erst nach dem Totensonntag richte ich den Blick nach vorne auf Weihnachten. Erst dann bin ich bereit, Lebkuchen und Lichterketten zu kaufen und mir über Geschenke für all meine Lieben Gedanken zu machen. Die Zeit reicht immer, egal wie voll mein Terminkalender ist. Ich bin noch nie in echte Hektik geraten. Das liegt sicher daran, dass ich mir bewusst Zeit nehme für das Schmücken meiner Wohnung und das Kaufen der Geschenke. Und es hat auch damit zu tun, dass meine Familie schon lange davon Abschied genommen hat, an Weihnachten das perfekteste Fest aller Zeiten zu feiern. Viel wichtiger ist, dass wir uns gemeinsam nach einem anstrengenden Jahr entspannen können und Zeit füreinander haben. Alles andere ist egal. Darum gehen wir tatsächlich sehr gelassen in die Feiertage.

Und darum muss ich mir auch jetzt noch keine Gedanken über Weihnachten machen. Ich genieße lieber weiter den Herbst, statt diese Jahreszeit einfach zu überspringen. Weihnachten kommt doch sowieso. Im Dezember. Und dann habe auch ich garantiert Lust auf Strohsterne, Engel und selbstgebackene Plätzchen.

Edit:
Ohne Werbung für die Kirchen machen zu wollen, aber gestern fiel mir zufällig diese Postkarte in die Hände. Sie passt sehr schön zu der kleinen Diskussion, die dieser Blogtext ausgelöst hat:

apfelbaum_advent_ist_im_dezember1

Dienstag, 13. Oktober 2009

Jahreszeiten

„Ganz schön düster heute, was?“ sagte kürzlich ein Freund zu mir, als es besonders grau und verregnet war. Ich nickte seufzend. Von „goldenem“ Oktober konnte in diesem Jahr wirklich keine Rede sein. Während der September sehr heiß und trocken war, wurde es in Norddeutschland mit dem Umblättern des Kalenderblatts schlagartig Herbst. „Und das Schlimme daran“, fuhr mein Freund mit Leidensmiene fort, „ist ja die Tatsache, dass das jetzt ein halbes Jahr lang so bleibt.“ Ich erschrak. Ein halbes Jahr Regen, Kälte und Dunkelheit? Das konnte doch niemand ertragen.
Am nächsten Tag gingen zwei Männer hinter mir die Straße entlang. „Und sonst so?“ fragte der eine. „Gibt nix zu sagen“, entgegnete der andere. „Der Sommer ist vorbei und jetzt ist dieser scheiß Herbst da, und ich kriege Depressionen.“ Er sagte das so, als habe sein letztes Stündlein geschlagen und er innerlich bereits mit dem Leben abgeschlossen.

Es geht aber auch anders. Am vergangenen Wochenende unternahm ich mit meinen Nichten bei Sturm und Regen einen ausgedehnten Spaziergang. Die Laune der Mädchen stieg, je länger wir unterwegs waren. Unermüdlich sammelten sie bunte Blätter, Eicheln, Beeren und Nüsse. „Ich liebe den Herbst!“ rief die Ältere begeistert und hielt ihr Gesicht in den Wind. „Das war ja ein echtes Abenteuer“, fand die Jüngere, als sie nass und durchgefroren, aber mit leuchtenden Augen heimwärts trottete. Zuhause hockten sie dann stundenlang in der Küche, pressten Blätter und bastelten Eichel-Männchen und Laubketten.

Ich liebe den Herbst auch. Zugegeben, der Abschied vom Sommer tut mir jedes Jahr weh, und eine kurze Zeit lang denke auch ich voller Schrecken an Dunkelheit und Kälte. Aber im Sommer ist es oft viel zu heiß, um ausgedehnte Spaziergänge zu unternehmen, die ich sehr liebe. Am besten bei einem kräftigen Westwind, der alle trüben Gedanken fortbläst. Und nichts ist schöner, als sich anschließend mit einem Becher dampfendem Tee und einem spannenden Buch aufs Sofa zu kuscheln. Auch die Herbstfarben faszinieren mich. Die satten Rot-, Gelb- und Brauntöne begeistern mich jedes Jahr aufs Neue und finden sich auch in meiner Kleidung wieder, nicht zuletzt, weil mir diese Farben gut stehen.

Es gefällt mir überhaupt, dass wir verschiedene Jahreszeiten haben. Jede einzelne hat ihren Reiz, jeder Monat bringt Veränderungen in der Natur, die spannend und schön sind. Nur der Winter ist hier im Norden in der Tat oft ziemlich öde, weil es selten Schnee, dafür aber viel Regen und grauen Himmel gibt. So gesehen kann ich die Leute gut verstehen, deren Stimmung mit den Außentemperaturen sinkt. Früher haben mich diese Monate auch gelähmt. Inzwischen akzeptiere ich, dass auch die stillen Zeiten ihre Berechtigung haben, dass der Rückzug in die eigenen vier Wände, langes Schlafen und wenig äußere Ablenkung mir dazu helfen, aufzutanken und kreativ zu werden. Ich merke, dass es mir leichter fällt, mit den Jahreszeiten zu leben, als mich gegen sie zu stemmen. Im Grunde muss ich nur den Signalen meines Körpers folgen, dann bin ich immer genau im passenden Lebensrhythmus.

Dienstag, 4. August 2009

Klimawandel

Seit ein paar Jahren leidet England, insbesondere der Süden, unter einer Monsunsaison, die ausgerechnet auf den Juli fällt, den einzigen Monat, in dem wir beide problemlos länger am Stück Urlaub nehmen können. Immer häufiger vertreiben uns nun platzregenartige Niederschläge vom Strand, und der starke Wind verdirbt die Wellen zum Surfen.

Diesmal sollte alles ganz anders werden. Im April rissen Schlagzeilen von einem zu erwartenden „barbecue summer“ die Briten aus ihrem Stimmungstief. Normalverbraucher, denen eine bösartige Bestie namens „credit crunch“ um die Fersen kläffte, buchten statt des kanarischen Ferienappartements zwei Wochen auf einem Campingplatz in Devon. Für Spot the Dog wurde ein Sonnenzelt angeschafft und Baby Daisy in Ganzkörper-Neopren gezwängt. Sogar Jills arbeitsloser Vater und Jacks allein erziehende Mutter leisteten sich in einem der zahlreichen Räumungsverkäufe eine neue Grillzange und ein Paar Shorts. Die großen Supermarktketten ließen Werbefilme drehen: fröhliche Familien beim Picknick, Ketchupmünder lachen mit der Sonne um die Wette – „alles für unter fünf Pfund!“

Ende Juli dann die Hiobsbotschaft: zwei Tage Land unter, und die Langzeitvorhersage sei wohl ein wenig optimistisch ausgefallen, vermeldete das Wetteramt kleinlaut. Im übrigen habe die Presse die Wendung vom „barbecue summer“ – ähnlich wie seinerzeit den „englischen Monsun“ – allzu begierig aufgesogen. Geprägt habe man sie nämlich, um die 35prozentige Wahrscheinlichkeit festzustellen, dass besagte neue Jahreszeit ins Wasser fallen könne.

Morgenluft wittern momentan nur die Verschwörungstheoretiker unter uns. Tatsächlich drängt sich die Frage auf, ob die Regierung etwa Druck auf ihre Behörde ausgeübt hat, die Prognosen möglichst positiv zu gestalten: um Urlauber im Land zu halten oder sogar anzulocken (als ob der derzeitige Pfundkurs nicht schon Anreiz genug wäre!) und die Wirtschaft anzukurbeln. Immerhin soll schon im Ostblock der Wetterbericht gefälscht worden sein. Damals war das Propaganda – so 20th century, darling –, bei New Labour heißt es eben „spin“.

Dienstag, 14. Juli 2009

Falsche Tomaten

Im Zuge gründlicher Recherchen (einer Google-Suche von genau 0,46 Sekunden) habe ich festgestellt, dass es in Neubrandenburg nicht nur einen, sondern mindestens drei Bioläden gibt (und in der nahen Umgebung noch ein paar mehr) – bei 66.000 Einwohnern. Nanu? Sind die Menschen im Wilden Osten etwa auf einer höheren Entwicklungsstufe angelangt als der durchschnittliche Berliner Kosmoprolet?

Neulich in der Hauptstadt, Tatort Gemüseabteilung (einer bekannten Supermarktkette, die es, aber das wirklich nur nebenbei, für verkaufsfördernd zu erachten scheint, ihr überraschend üppiges Angebot an Tofu- und Weizeneiweiß-Produkten mitten zwischen blutigen Rindersteaks und mausetotem Federvieh auszulegen). Er: „Nee, Helga, das sind doch die Falschen! Kiek mal, da steht überall Bio dran!“ – Helga lässt erschrocken die falschen Tomaten fallen und ergreift mitsamt Einkaufswagen voller eingeschweißter Leichenteile die Flucht, als fürchte sie, sich mit gesundem Menschenverstand anzustecken.

Montag, 22. Juni 2009

Vorurteile

Geschäftlich arbeiten wir seit Jahren wunderbar zusammen, menschlich verstehen wir uns bei allen Reibereien hervorragend – in weltanschaulichen Fragen trennen uns ganze Galaxien. Um so überraschter bin ich, als ausgerechnet dieser Bekannte mich auf die aktuelle Körperwelten-Ausstellung anspricht. Nein, gesehen habe ich sie noch nicht, sage ich und mache mich auf eins unserer gelegentlichen Wortgefechte gefasst, bei denen ich vom Feminismus bis zur Google-Buchsuche sämtliche Errungenschaften der letzten vierzig Jahre verteidigen muss.

Aber nein, er gerät geradezu in Verzückung. Die Menschenwürde, die ihm – im biblischen, nicht im humanistischen Sinn – sehr am Herzen liegt, werde in der Schau nicht nur gewahrt, so sagt er, sondern regelrecht zelebriert. Wenn jemand wie er Worte wie „pietätvolle Präsentation“ in den Mund nimmt, ist das nicht bloß dahergeredet. Nicht etwa der Tod, sondern das Leben werde hier in großartigster Weise gefeiert, und schon gar nicht verstehe er jene Leute in seinem Umfeld, die sich ein Urteil über etwas anmaßten, ohne sich mit eigenen Augen ein Bild davon gemacht zu haben. Ob der Anblick veritabler Mini-Mes in Gestalt von plastinierten Föten sogar mich zur Abtreibungsgegnerin bekehren würde, wie er prophezeit, wage ich zwar zu bezweifeln, aber diese Diskussion erspare ich uns für heute. Noch nie, schwärmt er weiter, habe er in einer Ausstellung soviel gelernt: über den Aufbau des Körpers, über das Zusammenwirken seiner einzelnen Bestandteile, darüber, wie ein Mensch funktioniert. Missfallen hätten ihm einzig die Posen, in denen die Plastinate gezeigt werden – und zwar nicht so sehr der berüchtigte Geschlechtsakt als vielmehr die unangemessene Banalität alltäglicher Zeitvertreibe.

Ohne Einwände grundsätzlicher Art gegen diese Form von Leichenfledderei geltend machen zu können oder zu wollen, die schließlich mit ausdrücklicher Billigung der Körperspender geschieht, fand ich das „Körperwelten“-Spektakel immer leicht widerwärtig – sowohl inhaltlich als auch wegen des Medienrummels, der darum veranstaltet wurde. Nach dem Telefonat fühle ich mich wie beflügelt, möchte am liebsten den Rest des Nachmittags frei nehmen und sofort zum Postbahnhof fahren. Stattdessen muss eine halbe Stunde für diesen Blog-Text reichen. Schön, wenn andere Menschen gegen meine Vorurteile verstoßen! Schön auch, dass ich nicht immer nur mit Menschen zu tun habe, die meine Meinung zu allem und jedem teilen! Den Ausstellungsbesuch werde ich bei nächster Gelegenheit nachholen. Vielleicht treffe ich Sie dort?

Freitag, 1. Mai 2009

Vom Glück und anderen Schweinereien

Das Leben könnte so schön sein im Moment. Jeden Tag scheint die Sonne, und das schon seit Wochen. Allen meinen Lieben geht es gut, bloß mein Vater zitiert auf Fragen nach seinem Befinden bevorzugt seinen Hausarzt: „auf niedrigem Niveau stabil“. Und meinem Schwager dämmert allmählich, dass Alkohol kein wirksames Mittel gegen Depressionen ist – ausgerechnet in Neuseeland, wo Männer mit Depressionen nach dem Motto If you can‘t fix it with number-nine wire, shoot it lieber zur Schrotflinte als zum Prozac-Döschen greifen: Wenn es sich nicht mit Allzweckdraht flicken lässt, schieß drauf!

Ich habe gerade genug Arbeit, um mir keine allzu großen Geldsorgen machen zu müssen, aber nicht soviel, dass es mich erdrückt. Das Lauftraining macht bei diesem Wetter besonders viel Spaß, die Freiluftkino- und Sommerbad--Saison steht vor der Tür, und auch auf ein paar tolle Konzerte können wir uns freuen. Sogar unser Nachbar, den wir samt Hund schon verschollen fürchteten, ist plötzlich wieder da und zankt so genüsslich wie eh und je mit seiner Frau. Was will ich mehr? Höchstens dies: dass nicht jedes Mal, wenn ich das Radio einschalte, eine Hiobsbotschaft nach der anderen in mein kleines Alltagsglück eindringt. Wer die Wirtschaftskrise überlebt, den wird die Schweinegrippe dahinraffen, oder war es umgekehrt? Wie auch immer, jedenfalls ist Leben eine unheilbare Erbkrankheit mit tödlichem Verlauf – und wehe dem, der das einen Augenblick lang zu vergessen wagt!

„Du darfst die Augen und Ohren nicht vor der Wirklichkeit verschließen“, belehrt mich mein Schatz – dieser große Realist, der mal wieder dabei ist, seine Plattensammlung nach einem neuen System umzusortieren –, wenn ich den Weltuntergangspropheten von der Tagesschau mit einem Griff zur Fernbedienung den Mund verbiete. „Man muss eben vorbereitet sein!“ – „Vorbereitet?“ spotte ich. „Besorg du dir doch erstmal eine Gesichtsmaske in Hertha-Farben für das Spiel gegen Bochum, und dann reden wir weiter.“

„Lieber Heuschnupfen als Schweinegrippe!“ tröste ich eine Freundin, die über ihre roten Augen und geschwollene Nase jammert. Aber alle blöden Sprüche helfen überhaupt nichts, wenn mich morgens um drei mein innerer Weckalarm aus dem Schlaf reißt. Dass solche nächtlichen Beklemmungen tief in den Genen stecken und ursprünglich wohl einen Schutzinstinkt darstellten, damit unsere Vorfahren Überfällen wilder Tiere oder feindlicher Krieger nicht wehrlos träumend ausgeliefert waren – auch das Wissen darum nützt herzlich wenig, wenn die Panik mir den Atem raubt: Panik um unsere finanzielle Zukunft, Panik vor der Schweinegrippe und noch schlimmeren Diagnosen, vor dem Älterwerden und vor lauter Schicksalsschlägen, auf die ich mich überhaupt nicht vorbereiten kann, weil ich keine Ahnung habe, dass sie mir bevorstehen. Dabei ist das Leben so schön!

Mittwoch, 18. Februar 2009

Herzensdinge

„Heimat ist, wo mein Herz ist.“ Dieser Spruch stand auf einer Karte, die mir jemand vor einigen Jahren geschenkt hat. Ich hängte sie an meinen Kühlschrank und glaubte, dass ich tatsächlich Heimat für diesen Jemand geworden sei. Doch leider hatte ich mich getäuscht. Der Mann verschwand wieder aus meinem Leben und die Karte von meinem Kühlschrank. Damals begriff ich nicht, was passiert war. Heute weiß ich, dass man nirgendwo Heimat findet, solange man nicht in sich selbst zuhause ist.

Es gibt Menschen, die sind ständig auf der Jagd. Nach Erfolg, nach Anerkennung, nach Aufmerksamkeit. Erfolg ist für sie, wenn sich das Bankkonto beträchtlich füllt. Anerkennung heißt, dass die Massen ihnen zujubeln. Aufmerksamkeit bedeutet, dass jeder sie kennt. Ich nenne solche Menschen Glücksritter. Aber sie werden ihr Glück nie finden, denn sie suchen es an der falschen Stelle. „Glück ist da, wo mein Herz ist“, könnte ich in Anlehnung an den ersten Spruch sagen und ergänzend hinzufügen: Aber man findet sein Glück nur, wenn man es tief in seinem eigenen Inneren sucht.

Manchmal findet man aber in seinem Inneren nur Leere vor. Das passiert genau dann, wenn man nicht in sich selbst wohnt, sondern stattdessen ständig Untermieter im Leben anderer ist. Wenn man nur aus deren Kühlschrank lebt und für Notzeiten keine eigenen Vorräte anhäuft. Da wäre es dann angebracht, nach Hause zurück zu kehren, die Regale zu entstauben und endlich aufzufüllen.

Ich glaube nicht an Heilsversprechen und den schnellen Erfolg. Ich glaube auch nicht daran, dass man sein Glück auf der Straße finden kann. Aber ich glaube, dass man nicht nur eine Heimat, sondern auch eine große Zufriedenheit findet, wenn man ganz in sich selbst zuhause ist, wenn man bei sich angekommen ist, tief im eigenen Herzen.

Dienstag, 17. Februar 2009

„Reality is where the pizza guy comes from“

Antalya, März 2008: Am Spätnachmittag eines wunderschönen letzten Urlaubstages sitzen mein Liebster und ich auf einer Bank hoch über dem Meer, prosten der allmählich untergehenden Sonne zu und schauen Drachenfliegern zu, wie sie sich von einem Felsen stürzen, minutenlang in der Luft hängen, um dann auf dem steinigen Strand zu landen. In unserem Blickfeld befindet sich auch ein alter Mann mit zwei scheppernden, klirrenden schwarzen Plastiksäcken, der Böschung und Mülleimer nach leeren Flaschen durchwühlt. Schließlich ist er bei unserer Bank angekommen, spricht uns zunächst auf Türkisch an, gibt den Versuch aber schnell auf und wechselt zur Zeichensprache. Gestikulierend bedeutet er uns, wir mögen unsere Bierflaschen doch bitte dort drüben im Gebüsch verstecken, wenn wir sie ausgetrunken haben, damit er sie auf dem Rückweg mitnehmen kann. Kein Problem, nicken wir.

Da gesellt sich ein junger Mann zu uns, gut gekleidet, der mit seiner Freundin oder Ehefrau aus einem teuren Wagen ausgestiegen ist, um ebenfalls die letzten Sonnenstrahlen zu genießen. Wie sich herausstellt, hat er lange auf Zypern gearbeitet und spricht gut Englisch. Er fängt an zu übersetzen, was der Altglas-Sammler gesagt hat. Mein Mann unterbricht ihn: Wir haben schon verstanden, lächelt er. Der junge Türke lächelt zurück und macht uns ein großes Kompliment: „You have a nice understanding of human language“, sagt er.

Am nächsten Abend bin ich mir da nicht mehr so sicher. Zurück in Berlin, gehe ich zum Imbiss, um uns Pizza zu holen. (Falafel isst der Herr Gemahl nicht mehr, seit er gesehen hat, dass der Salat mit demselben Utensil ins Brot geschaufelt wird wie das Döner-Fleisch. Dadurch haben sich die Optionen für vegetarische Schnellkost in unserem Kiez drastisch reduziert.) Der Betreiber der Pizza-Bude ist Palästinenser, und weil er im Moment keine anderen Kunden hat, erzählt er mir von seiner verlorenen Heimat. „Mein Herz ist Stein geworden“, bekundet er voller Inbrunst, gerade als unsere Pizza aus dem Ofen kommt. „Das macht sieben Euro.“

So gut ich die menschliche Sprache beherrschen mag, sind wir – Nazi-Enkelin und Mann ohne Raum – doch nur zwei Rädchen im Getriebe der Dienstleistungsgesellschaft, und ich weiß keine bessere Antwort, als ihm mit einem gemurmelten „Stimmt so“ acht Euro auf den Tresen zu legen und mit meiner Pizza die Flucht zu ergreifen: Spinat, Feta und Spiegelei – in der Jerusalemer Altstadt wird diese Kombination an jeder Ecke als „arabische Pizza“ verkauft, in Neukölln heißt sie Ausländerpizza.

Mittwoch, 4. Februar 2009

Zufriedenheit am Arbeitsplatz

Neulich habe ich von meinem allerersten Chef geträumt. Er war damals als Reitlehrer und Stallmeister für das Wohl und Wehe von zwanzig bis dreißig Pferden zuständig, ich sein Mädchen für alles. Es war einer der härtesten und am schlechtesten bezahlten – und bei weitem der befriedigendste Job, den ich je hatte. Sechs Tage die Woche verteilte ich Futter, mistete Boxen aus, hielt auf, wenn der Hufschmied kam, lud Heu und Stroh vom Wagen auf den Dachboden, wenn der Lieferant kam, fuhr mit dem Trecker den Misthaufen platt, half Reitschülern beim Putzen und Satteln und fror mir öfters beim Unterricht in der Halle Hände und Füße ab, während mein Chef in seinem warmen Büro saß und übers Mikrofon Anweisungen erteilte. Im Winter vereisten mir manchmal schon bei der halbstündigen Fahrradfahrt im Morgengrauen die Nasenhaare.

Mein Gehalt reichte gerade aus, um mein eigenes Pferd durchzufüttern. Mein Chef war launenhaft wie alle Chefs, mit denen ich im Laufe meines Berufslebens zu tun hatte, und an manchen Tagen konnte man ihm gar nichts recht machen. Aber meistens verstanden wir uns prima. Obwohl der Altersunterschied kaum zehn Jahre betrug – ich war Anfang Zwanzig, er Anfang Dreißig –, siezte ich ihn so selbstverständlich, wie er mich duzte.

Für die Mädchen, die ihre gesamte Freizeit im Stall verbrachten und um Pflegepferde oder auch nur um das Privileg buhlten, eines der Privatpferde trockenreiten zu dürfen, war ich halb große Schwester, halb großes Vorbild. Nur die Akademiker unter den Pferdebesitzern, Kollegen meines Vaters, wussten überhaupt nicht, wie sie mich behandeln sollten: als höhere Tochter oder niedrige Dienstmagd? Auch das verschaffte mir eine gewisse Befriedigung.

Aber das Beste an dieser Arbeit war, dass sich die Sinnfrage, die mich seither mal mehr, mal weniger plagt, überhaupt nicht stellte: Wer einmal ein paar Jahre lang jeden Morgen ein Stalltor aufgestoßen hat und mit einem vielstimmigen Wiehern willkommen geheißen wurde, weiß, was es heißt, etwas Nützliches zu tun.

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