Dienstag, 13. Oktober 2009

Jahreszeiten

„Ganz schön düster heute, was?“ sagte kürzlich ein Freund zu mir, als es besonders grau und verregnet war. Ich nickte seufzend. Von „goldenem“ Oktober konnte in diesem Jahr wirklich keine Rede sein. Während der September sehr heiß und trocken war, wurde es in Norddeutschland mit dem Umblättern des Kalenderblatts schlagartig Herbst. „Und das Schlimme daran“, fuhr mein Freund mit Leidensmiene fort, „ist ja die Tatsache, dass das jetzt ein halbes Jahr lang so bleibt.“ Ich erschrak. Ein halbes Jahr Regen, Kälte und Dunkelheit? Das konnte doch niemand ertragen.
Am nächsten Tag gingen zwei Männer hinter mir die Straße entlang. „Und sonst so?“ fragte der eine. „Gibt nix zu sagen“, entgegnete der andere. „Der Sommer ist vorbei und jetzt ist dieser scheiß Herbst da, und ich kriege Depressionen.“ Er sagte das so, als habe sein letztes Stündlein geschlagen und er innerlich bereits mit dem Leben abgeschlossen.

Es geht aber auch anders. Am vergangenen Wochenende unternahm ich mit meinen Nichten bei Sturm und Regen einen ausgedehnten Spaziergang. Die Laune der Mädchen stieg, je länger wir unterwegs waren. Unermüdlich sammelten sie bunte Blätter, Eicheln, Beeren und Nüsse. „Ich liebe den Herbst!“ rief die Ältere begeistert und hielt ihr Gesicht in den Wind. „Das war ja ein echtes Abenteuer“, fand die Jüngere, als sie nass und durchgefroren, aber mit leuchtenden Augen heimwärts trottete. Zuhause hockten sie dann stundenlang in der Küche, pressten Blätter und bastelten Eichel-Männchen und Laubketten.

Ich liebe den Herbst auch. Zugegeben, der Abschied vom Sommer tut mir jedes Jahr weh, und eine kurze Zeit lang denke auch ich voller Schrecken an Dunkelheit und Kälte. Aber im Sommer ist es oft viel zu heiß, um ausgedehnte Spaziergänge zu unternehmen, die ich sehr liebe. Am besten bei einem kräftigen Westwind, der alle trüben Gedanken fortbläst. Und nichts ist schöner, als sich anschließend mit einem Becher dampfendem Tee und einem spannenden Buch aufs Sofa zu kuscheln. Auch die Herbstfarben faszinieren mich. Die satten Rot-, Gelb- und Brauntöne begeistern mich jedes Jahr aufs Neue und finden sich auch in meiner Kleidung wieder, nicht zuletzt, weil mir diese Farben gut stehen.

Es gefällt mir überhaupt, dass wir verschiedene Jahreszeiten haben. Jede einzelne hat ihren Reiz, jeder Monat bringt Veränderungen in der Natur, die spannend und schön sind. Nur der Winter ist hier im Norden in der Tat oft ziemlich öde, weil es selten Schnee, dafür aber viel Regen und grauen Himmel gibt. So gesehen kann ich die Leute gut verstehen, deren Stimmung mit den Außentemperaturen sinkt. Früher haben mich diese Monate auch gelähmt. Inzwischen akzeptiere ich, dass auch die stillen Zeiten ihre Berechtigung haben, dass der Rückzug in die eigenen vier Wände, langes Schlafen und wenig äußere Ablenkung mir dazu helfen, aufzutanken und kreativ zu werden. Ich merke, dass es mir leichter fällt, mit den Jahreszeiten zu leben, als mich gegen sie zu stemmen. Im Grunde muss ich nur den Signalen meines Körpers folgen, dann bin ich immer genau im passenden Lebensrhythmus.

Dienstag, 6. Oktober 2009

„Hallo, ich sitze gerade in der U-Bahn“

Das Private ist immer politisch – na ja, oder auch nicht. Seit der Erfindung des Mobiltelefons ist es auf jeden Fall hemmungslos öffentlich.

Eins weiß ich: Wenn ich einmal alt und wunderlich bin (mit etwas Glück dauert das gar nicht mehr so lange) und das Bedürfnis, durch die Straßen zu laufen und laut vor mich hin zu zetern, nicht mehr so gut unterdrücken kann wie heute, werde ich mir einfach ein Handy ans Ohr halten, dann fällt das niemandem auf.

Montag, 28. September 2009

Welten auseinander

Kürzlich veröffentlichte unser Stadtmagazin das Ergebnis einer redaktionsinternen „Bundestagswahl“: Grüne 67,8 Prozent, Linke und SPD je 14,3 Prozent, Piraten 3,6 Prozent. Bei einer anderen Berliner Firma, von der ich gelegentlich Aufträge erhalte, kam in einer entsprechenden Umfrage jenseits der bürgerlich-wirtschaftsnahen Einheitsfront aus CDU und FDP überhaupt nur die Piratenpartei vor, durch deren Nennung sich der betreffende Kollege wohl als besonders jung geblieben und trendbewusst ausweisen wollte.

Nun will ich um Himmels willen keine Mauer wieder aufbauen und keine Eisernen Vorhänge spannen. Aber manchmal frage ich mich schon – als reines Gedankenspiel –, was passieren würde, wenn man Deutschland oder gleich ganz Europa einfach zweiteilte: In der einen Hälfte herrschte eine umwelt- und menschenfreundliche Politik gegenseitiger Toleranz und Solidarität, die sogar ihre Kriege aus „humanitären“ Beweggründen führt; in der anderen könnte der christlich-abendländisch verbrämte Neoliberalismus sich ungehemmt austoben – und jede(r) von uns darf frei entscheiden, auf welcher Seite er oder sie lieber leben möchte.

Klar, was dabei herauskäme, kann ich mir so gut vorstellen wie Sie. Im besten Fall würde es lediglich zu neuen Konflikten und Sollbruchstellen innerhalb dieser Ideologiestaaten kommen: hier die nationalchauvinistischen Anwandlungen der Linkspartei, dort die grenzenlose grüne Utopie. Ob es etwa doch sinnvoller ist, dass wir – Sie und ich, die Redaktion des Stadtmagazins und die Mitarbeiter jener Firma – uns alle irgendwie zusammenraufen und ständige Kompromisse aushandeln müssen: zwischen ökologischer Verantwortung und Wachstumswahn, Miteinander und Wettbewerb, „Ausgestrahlt“ und „Atomkraft? Ja bitte“, zwischen Multikulti und Leitkultur?

Mittwoch, 16. September 2009

Selbstmarketing für Künstler

Zusammen mit Beatrice Roggenbach biete ich erneut ein Textseminar für Künstler an.

Die eigene Kunst – und damit sich selbst – zu verkaufen, fällt gerade Künstlern oft besonders schwer. Wenn Sie an Wettbewerben teilnehmen möchten und Projektanträge ausfüllen müssen, kommen Sie jedoch an beschreibenden Texten nicht vorbei. In diesem Seminar lernen Sie, die Kernideen Ihrer Arbeit mit wenigen Sätzen zu beschreiben, präzise, originell und vor allem einmalig. Entdecken Sie, dass Schreiben kein lästiges Übel sein muss, sondern als Prozess der Selbstfindung eine wertvolle Bereicherung für Ihre Arbeit sein kann. Die Textarbeit wird ergänzt durch ausführliche Tipps rund um das Selbstmarketing für Künstler.


Ausschreibungstext aus dem Programmheft des Künstlerhauses Jerwitz:

Kreatives Texten zur Selbstvermarktung

Wer bin ich und was mache ich? So simpel diese Fragen klingen, so schwierig sind sie oft zu beantworten - jedenfalls, wenn man sich schriftlich dazu äußern soll. Dabei brauchen Sie Texte, um Ihre Kunst zu verkaufen. In diesem Kurs lernen Sie, Texte für Ihre Flyer und Projektausschreibungen ansprechend zu verfassen. Außerdem erhalten Sie Tipps zur Vermarktung Ihrer Kunst. Sie profitieren von diesem Kurs besonders, wenn Sie bereits erste Textentwürfe erstellt haben. Bitte bringen Sie diese mit.

Termin: 29.11.09 von 10.00 - 15.00 Uhr
Seminarort: Gustav Jerwitz Künstlerbedarf, Kleiner Schäferkamp 16 F, 20357 Hamburg
Trainer: Katharina Burkhardt und Beatrice Roggenbach
Kosten: 52,- €
Anmeldung: bei Beatrice Roggenbach

Freitag, 11. September 2009

Palimpsest

Früher war Papier bzw. Pergament so wertvoll, dass Manuskriptseiten noch im Mittelalter immer wieder überschrieben wurden. Diese Dokumente nennt man Palimpseste, und sie sind natürlich für Historiker interessant – aber auch für Literaten: als Metapher dafür, wie unter jedem Text, mehr oder weniger sichtbar, andere, ältere Schichten liegen.

Nach diesem Prinzip benutze ich seit mehreren Jahren denselben Taschenkalender, in dem ich Ideen, Eindrücke, plötzliche Geistesblitze usw. notiere. Auf der Seite für diese Woche bin ich gerade auf folgenden Eintrag gestoßen, offenbar von 2006 (denn die Zeilen sind mit der natürlich bitter-ironisch gemeinten, aber dennoch nicht richtig witzigen Widmung „Mohammed Atta zum 5. Todestag“ versehen):

So blau wird der Himmel nie wieder,
aber er ist blau genug.

Die Welt ist immer noch dieselbe,
jeden Morgen ganz anders.

Die Zahl der Toten steigt stündlich.

Die der Lebenden auch.

Abschied
Aus dem Kiez
Coaching
Das Krimi-Experiment
Dies und Das
Feierabend
Kommunikation
Kreatives Schreiben
Leben
Lost in Translation
Nachgedacht
Schnappschüsse
Singles
Termine
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