Freitag, 22. Januar 2010

Plusgrade für alle!

Nach gefühlten drei Wochen ohne einen einzigen Sonnenstrahl (in Wirklichkeit sind es erst 19 Tage) kommen mir allmählich Zweifel, ob die Welt je wieder aus ihrer weißen Starre auftauen wird. Höchste Zeit also, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, aus dem Winterschlaf aufzuwachen und etwas dagegen zu tun – wann, wenn nicht jetzt? Damit meine ich nicht den sinnlosen Aktionismus jener Realitätsverweigerer, die bei Tageshöchsttemperaturen von -10°C mit offener Jacke durch die Straßen laufen. Lassen Sie uns eine Partei gründen! Lassen Sie uns das, was die Wählerinnen und Wähler wirklich bewegt, zu einem mehrheitsfähigen Programm aufbereiten! Wir fordern:

• Schluss mit dem Frost!
• Nie wieder Schnee!
• Plusgrade für alle!

Mittwoch, 13. Januar 2010

Baumbesetzung in Altona

Ich habe es gern gemütlich. Kerzen, heißer Tee, schöne Musik, mit einer kuscheligen Decke über den Beinen auf dem Sofa sitzen und lesen, selbstgebackene Plätzchen essen und dem Schneetreiben vor dem Fenster zuschauen – das ist für mich der perfekte Winterabend. Die Heizung gibt behagliche Wärme ab, die Leselampe verbreitet angenehmes Licht.

Doch gelegentlich wird mir klar, dass diese warme Behaglichkeit nicht selbstverständlich ist und ihren Preis hat. Die Energie für Strom und Heizung muss her. Wo genau sie herkommt, war mir viele Jahre mehr oder weniger egal. Ich bin zwar mit dem Slogan „Atomkraft? Nein danke!“ aufgewachsen, aber im Alltag habe ich mich lange Zeit nicht darum gekümmert, woher der Strom eigentlich kommt, mit dem ich meine Lampen, den Laptop, den Herd betreibe. Vielleicht lag das daran, dass ich keine Wahlmöglichkeiten hatte. Der Strom kam vom Hamburger Elektrizitätswerk, fertig. Ökostrom war ein bisschen teurer, aber war es das wirklich wert? Hm. Ich sparte die paar Mark lieber.

Dann begann die Ära der privaten Stromanbieter, und auf einmal war alles in Bewegung. Plötzlich häuften sich Beschwerden von Verbrauchern wegen überteuerter Preise und schlechtem Service. Stromanbieter sind auf einmal nicht mehr die Städte und Gemeinden, sondern große, mächtige Konzerne, die mit uns kleinen Leuten offenbar machen können, was sie wollen. Die Politik schaut hilflos zu. Genauso wie ich auf meinem Sofa unter meiner warmen Wolldecke. Dass sich in Hamburg ein gigantischer Umweltskandal anbahnte, habe ich jahrelang ignoriert. Moorburg ist ja auf der anderen Seite der Elbe, gefühlt weit weg. Und doch in meiner direkten Nachbarschaft. Und jetzt plötzlich betrifft mich der von Vattenfall geplante Bau des Kohlekraftwerks sogar ganz persönlich. Für eine Fernwärmetrasse, die auf einer Strecke von 12 Kilometern quer durch Hamburg gezogen wird, sollen über 300 zum Teil große und sehr alte Bäume gefällt werden, viele davon im sogenannten Altonaer Grünzeug, einer Reihe kleiner Parks, die sich direkt vor meiner Haustür befinden. Ich bin bestürzt. Und zornig auf eine grüne Regierung, die mit der Zustimmung zu diesem Projekt alle Ideale verraten hat, die ich mit dieser Partei verbinde.

Baumbesetzung

Doch während ich weiter gemütlich auf meinem Sofa sitze, sind andere längst aktiv geworden. Jürgen und Olivia, Anwohner des Gählerparks, besetzten einen der Bäume und bauten sich in seiner Krone ein Baumhaus, in dem sie seit Anfang Dezember leben. Auf Transparenten und kleinen Schildern machen sie auf den Umweltskandal aufmerksam, der sich hier anbahnt und ohne Zustimmung der Bevölkerung eingeleitet wurde. Ich ging kurz vor Weihnachten in strömendem Regen an dem Baum vorbei und dachte damals: Respekt, aber die werden sicher nicht lange durchhalten. Umso erstaunter war ich, als ich im neuen Jahr feststellte, dass die Baumbesetzer nicht nur immer noch da sind – sie haben vielmehr Verstärkung von Robin-Wood-Aktivisten erhalten. Mittlerweile gibt es fünf Baumhäuser im Gählerpark, in denen die Aktivisten leben und jeder Witterung trotzen.

Gestern sprach ich kurz mit Jürgen, der von Anfang an dabei ist. Er machte einen sehr energiegeladenen, fröhlichen Eindruck. "Wir kriegen so viel Unterstützung von den Leuten aus der Nachbarschaft, das ermutigt uns, durchzuhalten", sagte er begeistert. Menschen wie Jürgen und Olivia haben wir es zu verdanken, dass in dieser Welt immer wieder Korrekturen vorgenommen werden, dass Politik und Wirtschaft zum Umdenken gezwungen werden, dass nicht immer nur die Großen gewinnen. Ich schäme mich ein wenig, dass ich wieder zuhause in meiner warmen Wohnung sitze und hier jeden Komfort genieße, während da draußen Menschen frieren und Entbehrungen in Kauf nehmen, damit auch mein Leben gut bleibt. Ich habe Jürgen gefragt, was ich tun kann, was wir alle tun können, um den Bau der Fernwärmetrasse (und damit den Bau des gesamten Kohlekraftwerks) zu verhindern. „Beteiligt euch an unseren Aktionen“, sagte er. Und mit einem fröhlichen Grinsen setzte er hinzu: „Du kannst dich auch an einen der Bäume ketten, wenn er gefällt werden soll.“

Ich fange erst mal klein an und berichte in diesem Blog über die Baumbesetzungen. Und vielleicht greife ich sogar Jürgens Vorschlag auf, wer weiß. Es ist an der Zeit, das warme Sofa zu verlassen und Menschen wie Jürgen und Olivia zu unterstützen - damit wir alle in einer besseren Welt leben können.

Informationen über das Kohlekraftwerk in Moorburg:
Spiegel online
taz
wikipedia
Robin Wood
BUND

Informationen über die Fernwärmetrasse und Baumbesetzungen:
Bürgerinitiative
Radio Hamburg
Robin Wood
Hamburger Abendblatt

Dienstag, 5. Januar 2010

Gefälligkeiten

Kennen Sie das? Jemand aus Ihrem mehr oder weniger engen Umfeld, der weiß, was Sie beruflich machen, bittet Sie um einen kleinen Gefallen, für den er sich bei nächster Gelegenheit erkenntlich zu zeigen verspricht. Im Idealfall fällt Ihnen sofort eine entsprechende Gegenleistung ein und Sie können ihm antworten: Gerne, kannst du dafür das-und-das für mich machen? Alles bestens – netzwerken nennt man so was oder auch networking, und wie wichtig das ist, hat man Ihnen garantiert auch schon mal in dem einen oder anderen Weiterbildungsseminar eingetrichtert. Leider fügt es sich selten so glücklich. Zumeist kratzen wir uns eher am Kopf und grübeln, ob der Betreffende überhaupt irgend etwas zu bieten hat, das uns interessieren könnte – sagen dann aber trotzdem zu, weil wir ja nicht kleinkariert oder herzlos erscheinen möchten.

Typisch Frau? Na, wenn Sie meinen. Jedenfalls ist es mir neulich so ergangen. Dabei habe ich gemerkt, dass hier für mich ein grundsätzlicher Klärungsbedarf bestand: Für wen bin ich aus welchen Gründen bereit, in welchem Umfang etwas umsonst zu machen? Klar, ich würde liebend gern in einer Gesellschaft leben, die auf der Selbstverständlichkeit gegenseitiger Gefälligkeiten und Hilfeleistungen beruht. Aber so funktioniert es nun mal nicht, sondern Übersetzen und Lektorieren ist mein Broterwerb, und wenn ich meine Arbeitszeit allzu großzügig verschenke, muss ich eben verhungern. Und da ich mir vorstellen kann, dass die eine oder der andere unter Ihnen sich auch schon einmal in ähnlichen Konfliktsituationen befunden hat, nachfolgend ein paar Richtlinien und praktische Hinweise, die ich für mich aufgestellt bzw. von Kollegen eingeholt habe, bei denen ich mich bei nächster Gelegenheit erkenntlich zeigen werde.

• Wenn jemand privat mit einem derartigen Anliegen auf Sie zukommt, klären Sie zunächst (für sich, aber auch im Gespräch mit dem Betreffenden), ob er einen freundschaftlichen Rat sucht oder Sie um professionelle Hilfe bittet. Ist Letzteres der Fall, machen Sie ihm ein faires Angebot, das ruhig bei der Hälfte Ihres üblichen Honorars liegen kann.
• Sollten Sie selber einmal in die Verlegenheit geraten, einen Freund in einer professionellen Kapazität zu Rate zu ziehen, überlegen Sie sich vorher, was Sie im Gegenzug anbieten können und wollen. Damit signalisieren Sie einerseits, dass Sie die Arbeit des Anderen schätzen, und zum anderen, dass Sie ihn ansprechen, weil sie seiner fachlichen Kompetenz vertrauen, und nicht nur, weil Sie Geld sparen wollen.
• Falls Sie darauf spekulieren, auf diese Weise Kontakte zu knüpfen und sich durch Ihren Fleiß und Ihre Bescheidenheit für zukünftige Aufträge zu empfehlen, sollten Sie sich Folgendes gut überlegen: Möchten Sie lieber aufgrund Ihrer Professionalität und Kompetenz weiterempfohlen werden oder als jemand, der bereit ist, umsonst zu arbeiten?
• Sie können es sich leisten, Ihre Arbeitskraft zu verschenken, weil Sie gerade im Lotto gewonnen oder einen fetten Auftrag an Land gezogen haben? Herzlichen Glückwunsch! Trotzdem sollten Sie an Ihre weniger vom Schicksal gesegneten Kollegen und Kolleginnen denken. Je mehr Menschen bereit sind, für weniger oder gar nichts zu arbeiten, desto weniger Wert bekommt ihre Arbeitskraft, so ist das nun mal in der freien Marktwirtschaft. Wenn Sie gerne was Gutes tun wollen, können Sie sich ja bei Greenpeace oder Amnesty engagieren.
• Scheuen Sie sich trotz allem nicht, den Spaßfaktor zu berücksichtigen. Reizt Sie der Auftrag? Haben Sie das Gefühl, dabei Ihre Fähigkeiten ausprobieren oder etwas dazulernen zu können? Verdient der Andere auch nichts daran? Na los, geben Sie sich einen Ruck und vergessen Sie alles oben Gesagte!
• Und schließlich: Wenn es tatsächlich nur um eine Sache von zehn Minuten geht – Schwamm drüber! Man muss auch nicht an alles und jedes ein Preisschild hängen. Wo Ihre persönliche Schmerzgrenze liegt, müssen Sie dabei selber entscheiden – meine ist erfahrungsgemäß (je nach Spaßfaktor und Freundschaftsgrad) nach zwanzig bis dreißig Minuten erreicht.

In diesem konkreten Fall – womöglich interessiert es Sie ja – fragte ein bestenfalls sehr entfernter Bekannter an, ob ich „mal eben einen Text überfliegen“ könnte, den er durch eine elektronische Übersetzungsmaschine gejagt und dann per Hand korrigiert hatte. Ich merkte sehr bald, dass ich beinahe jeden Satz umschreiben musste, so dass die Sache eindeutig den Rahmen einer kleinen kollegialen Gefälligkeit sprengte.

Was also tun? Letztlich habe ich mich entschlossen, ihn höflich, aber unmissverständlich auf ebendiesen Sachverhalt hinzuweisen und ihm gleichzeitig – unter Nennung meiner üblichen Honorarsätze – einen sehr großzügigen Freundschaftspreis anzubieten. Und sofern er mit meiner Arbeit zufrieden ist, möchte er doch das nächste Mal an mich denken, wenn er mitkriegt, dass irgendwo eine Übersetzerin gesucht wird. (Wohl bemerkt: Sein Text war nicht zur kommerziellen Verwertung gedacht, sondern eher Privatvergnügen bzw. das, was man gemeinhin Selbstausbeutung nennt. Ansonsten hätte ich von Anfang an auf geschäftlicher Basis mit ihm verhandelt – und zwar selbst dann, wenn wir uns besser gekannt hätten. Ausgenommen von dieser Regel sind mein Mann, meine Eltern und Geschwister und zwei, drei sehr gute Freunde.)

Seine Antwort klang sehr kleinlaut: Er habe ehrlich angenommen, es sei eine Sache von zehn Minuten, wenn er das gewusst hätte, hätte er mich nie darum gebeten, ihm sei das jetzt ungemein peinlich ... Damit freilich hatte er einen anderen wunden Punkt berührt: Oft wird die Arbeitsleistung von uns Schreiberlingen schlicht und einfach unterschätzt. Das gilt besonders für Übersetzungen: Gerade Kunden, die selber keine Fremdsprachen beherrschen, bilden sich immer wieder ein, es handle sich lediglich darum, jedes englische oder französische Wort durch seine deutsche Entsprechung zu ersetzen.

Ein weiteres Problem scheint mir zu sein, dass die Grenzen zwischen Dienstleistung und freiwilligem Engagement gerade in der Internet-Ökonomie fließend geworden sind, dass sich Arbeit und Freizeitbeschäftigung, beruflicher und privater Bereich oft schwer trennen lassen. Aus Enthusiasmus, Idealismus, Altruismus oder purem Masochismus stellen wir unsere Kopfarbeit oft zur Verfügung, ohne dafür irgendeinen Lohn in Form einer Bezahlung zu erwarten: Denken Sie allein an die Mitarbeit bei der Wikipedia oder an jene Menschen, die druckreife Rezensionen bei Amazon veröffentlichen.

Freitag, 4. Dezember 2009

Gänsehaut

Dass es Winter wird, merke ich immer spätestens an den halbnackten Mädchen, die überlebensgroß sämtliche Litfasssäulen, Bushaltestellen, U- und S-Bahnhöfe schmücken. Beim Anblick der armen Dinger, wie sie in ihren spitzengesäumten Dessous und glitzernden Party-Fitzelchen dem eisigen Wind trotzen – kein Gramm Fett, das sie vor dem Ärgsten schützen könnte –, fröstelt's mich so sehr, dass ich allenfalls in die einschlägigen Bekleidungsgeschäfte eilen möchte, um mir den flauschigsten Pulli zuzulegen, den ich finden kann. Aber die Werbefritzen werden schon wissen, was sie tun ...

Montag, 30. November 2009

Sei easy. Sei Jet. Sei Berlin

Wenn sich Easyjet eine Stadt backen könnte, habe ich neulich gelesen, käme dabei wohl Berlin raus („München ist Lufthansa, Hamburg ist TUI“). Umgekehrt ist eine Fluggesellschaft, die ihre Passagiere ruppig mit „Fluggäste“ anredet, ohne wenigstens der Form halber „Liebe“ oder „Verehrte“ davor zu setzen, der perfekte Crashkurs für alle, die in der Erwartung herkommen, Berlin zum Beispiel sei eine tiefere Stadt.

Von wegen Wunder und Weihen – Sie merken schon, ich blogge kräftig gegen den Trend an diesem trüben Montagmorgen. „Guten Abend, Berlin, du kannst so hässlich sein“, denke ich vielmehr jedes Mal, wenn der Heimweg per Pendel-, Schienenersatz- und sonstigem Ungelegenheitsverkehr von dem zugigen Containerdorf, aus dem irgendwie, irgendwann der Airport Berlin-Brandenburg International werden soll, in die so genannte Hauptstadt mal wieder länger gedauert hat als der Flug von London. Und dabei habe ich noch Glück, dass ich orts- und sprachkundig genug bin, um mich in dem Labyrinth aus unverständlichen Lautsprecherdurchsagen und gut versteckten, kryptisch formulierten Hinweisschildern halbwegs zurechtzufinden!

Wie sagte unser neuer Außenminister, als er noch nicht mal im Amt war: „Es ist Deutschland hier!“, da hilft auch keine zehn Millionen Euro teure Image-Kampagne, um die Illusion von Gastfreundschaft und Weltoffenheit vorzugaukeln. Nein, Berlin ist nicht „Herz & Schnauze“, nicht open und free, Fokus und Power schon gar nicht, sondern arm und längst nicht so sexy, wie es vom Roten Rathaus aus scheinen mag. Zu guter Letzt möchte ich noch die Gelegenheit nutzen, mich bei den beiden Herren zu entschuldigen, die ich gestern Abend reichlich unwirsch abgefertigt habe. Sie wollten womöglich wirklich nur nach dem Weg zur nächsten Ersatzhaltestelle fragen. Aber man weiß ja nie in Berlin.

Langer Rede kurzer Sinn: Sollten Sie doch in die Verlegenheit geraten, in Schönefeld zu landen, kann ich Ihnen nur raten, sich den ganzen Ärger zu ersparen und für ein paar Euro mehr den Expressbus zu benutzen. Und lassen Sie sich bloß nicht von mir die Laune verderben - freuen Sie sich lieber auch dieses Jahr wieder an unserem wunderschönen Adventsschmuck!

Abschied
Aus dem Kiez
Coaching
Das Krimi-Experiment
Dies und Das
Feierabend
Kommunikation
Kreatives Schreiben
Leben
Lost in Translation
Nachgedacht
Schnappschüsse
Singles
Termine
Profil
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