Überfordert

Neben den üblichen Kreditangeboten und GEZ-Mahnungen lag neulich ein sehr amtlich aussehender Umschlag in unserem Briefkasten. Nach dem ersten Schrecken sah ich, dass es doch bloß eine harmlose Wahlbenachrichtigung war. Am 26. April wird in Berlin über das Begehren der Initiative „Pro Reli“ abgestimmt, den Religionsunterricht, der seit 2006 den Status einer freiwilligen Arbeitsgemeinschaft hat, künftig wieder zum ordentlichen Schulfach an den weiterführenden Schulen zu machen. Nach der derzeitigen Regelung ist Ethik ab der siebenten Klasse Pflichtfach und kann nicht zugunsten des konfessionellen Religionsunterrichts abgewählt werden.

Ehrlich gesagt weiß ich weder, was ich davon halten, noch wie ich mich dazu verhalten soll. Und enthalte ich mich ganz – aus welchen Gründen auch immer –, zählt die Statistik mich nur zu den vielen Apathischen, Politikverdrossenen. Bin ich als überzeugte Atheistin selbstverständlich gegen Religion an staatlichen Schulen? Oder bin ich als überzeugte (Links-)Liberale dafür, dass die Schulkinder – nun, jedenfalls ihre Eltern – selber zwischen verschiedenen Formen der Wertevermittlung entscheiden dürfen? Habe ich als (freiwillig und absichtlich) kinderloser Mensch überhaupt das Recht oder die Pflicht, mich in diese Frage einzumischen? Und wenn ja, geht es mir um das Seelenheil der Sprösslinge meiner eigenen Bekannten und Verwandten oder um die Gestaltung unserer gesellschaftlichen Zukunft? Droht Deutschland der Zufall in Parallelgesellschaften oder gar, Gott bewahre, die Islamisierung? Und wenn ja, ist der obligatorische Ethikunterricht für alle ein wirksames Integrationsmittel dagegen?

Will ich unseren „Regierenden“ Klaus Wowereit für seinen arroganten Umgang mit Volksentscheiden abstrafen, die für den Senat keinerlei Verbindlichkeit haben, nach dem Motto: Lasst das Volk ruhig abstimmen, da kann gar nichts passieren, denn entscheiden tun am Ende wir. (Wohl bemerkt: Wie Sie unschwer erraten haben dürften, wenn Sie frühere Texte von mir gelesen haben, war ich für die Schließung von Tempelhof und gegen die Spreeufer-Verbauung. Aber ich bin auch für demokratische Mitsprache und gegen despotische Bevormundung.) So durfte der Volksentscheid über den Religionsunterricht nicht wie von der Bürgerinitiative gefordert zeitgleich mit den Europawahlen im Juni stattfinden, weil sich dann womöglich zu viele Leute daran beteiligt und das erforderliche Quorum etwa doch erfüllt hätten.

Oder, wo wir schon beim Abstrafen sind: für die von den Gegnern des „Pro Reli“-Begehrens verwendete Formulierung vom „Wahlzwang“, ein früher Favorit für das Unwort des Jahres? Gewiss, der Volksmund spricht von der Qual der Wahl – und Jürgen Habermas vom „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“, nun gut –, aber der Volksmund redet viel, wenn der Tag lang ist, und Jürgen Habermas noch mehr. Solange es eine Wahl (zwischen echten Alternativen) gibt, kann der Zwang doch gar nicht so groß sein. Gerade die Mitglieder der Berliner Regierungskoalition mit DDR-Vergangenheit sollten das wissen und mit derartigen Kampfbegriffen vorsichtig umgehen.

Nur, mit den echten Alternativen ist das auch wieder so eine Sache. In meinem eigenen Religionsunterricht in der westdeutschen Provinz nahmen wir damals die Gefahren von Sex, Drogen und Rock‘n‘Roll, das Elend in der Dritten Welt und die Gräuel im Dritten Reich durch. Nur Gott kam eigentlich nie vor. Für Gott waren der Pfarrer und das Elternhaus zuständig. Bei der Handvoll katholischer Mitschüler war es ein wenig anders, ihnen machte ein leibhaftiger Pater die Hölle heiß und das Leben schwer: Sie mussten lange Texte auswendig lernen, während wir Filme über schwangere Schulmädchen und afrikanische Waisen mit geschwollenen Bäuchen anschauten. Aber die weitere Handvoll „konfessionsloser“ Kinder, deren Eltern aus Gewissensgründen auf einen eigenen Ethikunterricht bestanden, hätten getrost bei uns mitmachen können, ohne auch nur in Gefahr zu geraten, christlich oder gar evangelisch indoktriniert zu werden.

Wie Sie sehen, sind die Normalbürger und Normalbürgerinnen mit solch komplexen Fragen hoffnungslos überfordert. Ein Glück also, dass sie sowieso nichts zu sagen haben – ein Glück, dass es kluge Politiker gibt, die wissen, was gut und richtig für uns ist!

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