Nächstenliebe

Buß- und Bettag – höchste Zeit für eine öffentliche Beichte, denn die folgende Geschichte lastet seit über dreißig Jahren auf meinem Gewissen: Als Grundschülerin habe ich einmal für die samstägliche Kinderbeilage unserer Tageszeitung einen Beitrag mit der Überschrift „Der Kümmeltürke“ verfasst. Darin ging es um einen Mann südländischen Aussehens, von dem meine Freundin und ich uns einbildeten, er verfolge uns fast jeden Tag auf dem Rückweg von der Schule. Die Pointe: Beim nächste Sommerfest entpuppte der unheimlich Fremde sich als Vater eines Mitschülers. (Zu jener Zeit, an jenem Ort kamen Väter zum Mittagessen nach Hause, das die Mütter pünktlich um zwölf auf den Tisch brachten.) Dunkle Haut hin oder her – er war einer von uns, ein Müller, Schulze oder Schmidt, und von nun an brauchten wir keine Angst mehr vor ihm zu haben.

Heute bin ich entsetzt und angewidert von dieser achtjährigen Beate. Woher solch dumpfes Ressentiment? In meinem linksintellektuellen Elternhaus bekam ich derartige Ausdrücke garantiert nicht zu hören, erst recht nicht an unserem damaligen Wohnort, einer kirchlichen Anstalt, die sich alle Mühe gab, ihren Insassen seelische Hygiene und christliche Nächstenliebe beizubringen. Selbst die Läden trugen dort biblische Namen, unsere Mütter kauften nicht wie der Rest der Republik bei Edeka oder Karstadt ein, sondern im Kaufhaus Ophir: ein Gelobtes Land mitten in Nordrhein-Westfalen, Galiläa als Betonwüste. Mit himmlischem Beistand wurden Alkoholiker, im offiziellen Bethler Sprachgebrauch „Brüder von der Landstraße“, trockengelegt und Männern und Frauen mit schwersten geistigen und körperlichen Behinderungen ein menschenwürdiges und gottesfürchtiges Leben ermöglicht. Im Kindergottesdienst und in der Jungschar lernten wir, dass der Herr Jesus die hungernden Waisen in Afrika genauso lieb hatte wie uns. Wenn gerade kein Erwachsener zuhörte, sagten wir mit Vorliebe „Penner“ und „Spasti“ und „Du Neger“.

Mit Migranten hatten wir in unserer heilen, frommen Welt herzlich wenig zu tun. Sowieso hießen sie damals noch „Gastarbeiter“, was uns eine seltsame Vorstellung von Gastfreundschaft vermittelt haben muss: Man lädt Besuch ein, lässt ihn die Dreckarbeit verrichten und behandelt ihn als Menschen dritter Klasse. In unserem Jahrgang war ein einziger Türke. Er hieß Ali, sprach kaum Deutsch, roch weder nach Kümmel noch sonstwie unangenehmer als die deutschen Jungen, saß ganz hinten und meldete sich nie und war irgendwann plötzlich verschwunden – keine Ahnung, ob weggezogen oder um ein Jahr zurückgestuft.

Ich könnte die Schuld auf meine Freundin schieben, deren Familie sich eher aus der Boulevardpresse als aus Zeit und Spiegel über die Weltlage zu informieren pflegte. Mag sein, dass das Schimpfwort tatsächlich von ihr stammte. Aber warum schützten mich die viel beschworenen „abendländischen Werte“ des Bildungsbürgertums, mit denen ich aufgewachsen war, nicht vor dem Bedürfnis, anderen Menschen mit soviel Spott und Argwohn zu begegnen? Meine ganz linken Freunde würden sagen, das sei typisch deutsch. Ich kenne aber auch Leute, die sagen würden, sich wegen solch einer längst verjährten Bagatelle zu schämen, sei typisch deutsch. Zur Ehre der Lokalzeitung sei übrigens hinzugefügt, dass sie meinen Text weder druckte noch mich öffentlich als Rassistin brandmarkte.

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