Die fetten Jahre

Neulich bin ich beim Stadtbummel in eine politische Aktion geraten. Super, dachte ich, endlich mal ein paar junge Leute, die nicht den ganzen Tag chatten, Klingeltöne runterladen oder sich um ihre Karriere sorgen. Dann sah ich das Schild: „Jugend für Kernenergie“. Vor lauter Empörung habe ich zu Hause gleich meinen rostigen „Atomkraft? Nein Danke!“-Button hervorgekramt und mir an die Jacke gesteckt.

Der Praktikant zuckt die Achseln, als ich ihn am nächsten Tag zur Rede stelle, was zum Teufel mit seiner Generation los ist. „Wieso denn? Das Öl ist fast alle, mit Erdgas machen wir uns total von Russland abhängig, und diesen ganzen alternativen Quatsch, Solar- und Windkraft und so, das kannst du doch vergessen. Hierzulande jedenfalls. Wir sind schließlich eine führende Wirtschaftsnation und kein Dritte-Welt-Land. Atomkraft ist wenigstens sauber und belastet das Klima nicht. Tschernobyl und Sellafield, das sind doch uralte Geschichten, so was passiert heutzutage nicht mehr. Bei uns schon gar nicht.“ Ich schlage ihm vor, er soll sein Praktikum doch lieber bei der Atomlobby machen. „Und dann kannst du dich dort gleich als Pressesprecher bewerben!“ „Was bleibt uns denn sonst übrig?“ fragt er zurück. „Sollen wir etwa in Sack und Asche leben, nur weil ihr alles abgewirtschaftet und die ganzen Ressourcen verbraucht habt?“

Wir doch nicht. Immerhin gehören wir bekanntlich zur ersten Alterskohorte der Nachkriegszeit, die einen niedrigeren Lebensstandard hat als die eigenen Eltern. Bei jedem Besuch steckt mir mein Vater immer noch mindestens das Fahrgeld zu – als sie so alt waren wie ich, hatten sie schon ein Haus gekauft. Den Praktikanten rührt das nicht. „Und wenn schon. Euch geht’s doch gut, ihr musstet nicht mal Studiengebühren zahlen, und wenn ihr mal in Rente geht, kriegt ihr wenigstens noch ein bisschen Kohle vom Staat. Und was euer ‘Umweltbewusstsein’ angeht” – die Anführungszeichen sind seine hochgezogenen Augenbrauen, die sichtlich vor Sarkasmus prickeln – „Mann, ihr seid so was von heuchlerisch. Immer Wasser predigen von wegen ökologischen Fußabdruck verkleinern, Heizung runter, Licht aus, Computer abschalten und bloß nicht immer alles ausdrucken, und dann fliegst du nach Antalya, nur um an einem Marathon teilzunehmen!“

Ertappt. Dafür haben wir kein Auto, essen kein Fleisch, kaufen fast alles andere im Bioladen und heizen zu Hause wirklich erst dann, wenn kein noch so dicker Pullover mehr ausreicht. Im letzten Sommer haben wir sogar den Versuch unternommen, nicht nur Wasser zu predigen, sondern auch zu trinken, indem wir mit der Bahn statt mit dem Billigflieger zu den Schwiegereltern nach Südengland gereist sind. Dass uns dieses Vergnügen ungefähr viermal soviel kostete, mussten wir halt verschmerzen – das war uns unser gutes Öko-Gewissen wert. Bloß entpuppte sich der CityNightExpress, den die Bahn als hochmoderne Alternative für Dienstreisen anpreist, als osteuropäischer Bummelzug und traf in Berlin bereits mit über einer Stunde Verspätung ein. In Hannover fuhr er dann überhaupt nicht mehr weiter, was der Zugchef offenbar vollkommen normal fand und es nicht einmal für notwendig hielt, seine Fahr-„Gäste“ (unter Gastfreundschaft stelle ich mir was anderes vor, aber das nur nebenbei) über die Ursachen aufzuklären. „Wir warten auf die Kurswagen aus Kopenhagen, keine Ahnung, wann die kommen“, erklärte mir der Schaffner lakonisch. „Wenn Sie’s eilig haben, können Sie ja in vierzig Minuten mit dem ICE weiterfahren.“ Die zwei Stunden, die wir dann in Köln auf den nächsten Anschluss nach Brüssel warten mussten – den gebuchten hatten wir natürlich verpasst –, verbrachte ich in der Warteschlange im Reisezentrum, um unsere Fahrkarten von dem ganz und gar nicht hilfsbereiten Personal umschreiben zu lassen.

Die fünfstündige Bahnverbindung Köln–London kann ich übrigens absolut empfehlen (wenn’s im Tunnel nicht gerade mal wieder brennt oder die Eurostar-Mitarbeiter streiken). So macht Reisen Spaß! Aber ob wir uns und unserem Konto diesen Nachtzug ein zweites Mal antun, müssen wir uns noch schwer überlegen. Der Praktikant hat wohl nicht ganz Unrecht, eine solche Haltung als wenig konsequent zu kritisieren.

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